Nachtgedanken 4 1/2

Jil schläft schlecht – trotz deutschem Pass

„Wenn wir heute bei niemandem schlafen können, fahren wir einfach in ein Hostel“ sagt Sebastian auf dem Weg von Heidelberg nach Leipzig. Ich sitze neben ihm im Auto, ich bin müde. Der Regen läuft die Scheibe an meiner Wange lang. „Einfach in ein Hostel.“ Von Jil

Auf der Reise durften wir bei einem Mädchen aus Freiburg schlafen, gekannt hat sie uns vor unserer ersten Begegnung nicht. Sie hatte mitbekommen, dass die Willkommenskultour nach Freiburg kommen würde und uns einen Schlafplatz angeboten. Sie war, kurz bevor wir bei ihr ankamen, auf Osteuropareise und dabei unwissentlich auf dem gleichen Weg wie viele Geflüchtete: auf der Balkanroute. Auf ihrer Reise hat sie viele Flüchtlinge getroffen und viele syrische Familien, die auf der Straße schlafen mussten, weil es nirgends Platz für sie gab. Niemand seine Türen geöffnet hat. Die Familien hatten genug Geld in der Tasche für ein Hostelzimmer. Aber sie hatten nicht die richtige Eintrittskarte. Konkret: nicht den richtigen Pass. Aus Angst vor Ablehnung der anderen Hostelgäste verwehrte man ihnen den Eintritt. Das Mädchen aus Freiburg nicht. Sie ließ eine Familie bei sich im Hostelzimmer schlafen und hielt kaum aus, dass mehr nicht drin war.

Dass wir „einfach in ein Hostel“ fahren können, gibt mir ein merkwürdiges Gefühl von Sicherheit. Dieses Gefühl nistet sich irgendwo zwischen Magen und Lunge ein und lässt mich nicht schlafen. Ich weiß, warum wir immer überall einen Platz finden werden. In unseren vollgepackten Rucksäcken liegen magische Eintrittskarten, in meinem Fall ist das ein dunkelroter Reisepass. Er wird mir im Zweifel jede Tür öffnen, das weiß ich. Ein 21-jähriger Student aus Syrien, den wir unterwegs kennengelernt haben, fragt mich vor jeder Station über facebook, ob wir schon wissen, wo wir schlafen. Wenn wir nicht weiter wüssten – wir könnten immer zu ihm kommen. In ein Zimmer in Osnabrück, das er sich mit seinem Bruder und einem weiteren Geflüchteten teilt. Jedes Mal muss ich sagen: „ich weiß es noch nicht genau, aber wir werden ganz sicher unterkommen.“ Aber erklären kann ich ihm nicht, warum ich mir keine Sorgen um mich mache, er sich aber offenbar schon. Wenn er weiß, dass wir sicher angekommen sind, schreibt er „Thank God“. 

Was wäre, wenn die Sorgen über Sicherheit ein bisschen gerechter verteilt wären? Würde ich dann vielleicht besser schlafen? 

 

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich klebe gerade am Radio fest und habe mein komplette Vormittagsprogramm über den Haufen geworfen, um Euren Bericht zu hören. Sehr, sehr toll! Macht unbedingt weiter, unbedingt! Wir brauchen positive Beispiele um nicht noch mehr Angst zu schüren sondern die Chancen für alle – ja auch für uns – wahrzunehmen. Euer Projekt ist großartig, Ich werde auf jeden Fall weiterverfolgen, was sich bei Euch tut! Es braucht nicht nur Menschen, die Feldbetten aufbauen, Essen verteilen, Registrierungen vornehmen, es braucht Menschen, wie Euch, die wesentlich zu einer positiven Grundhaltung zu dieser Herausforderung beitragen. Ich gratuliere Euch herzlich! Anke Semper

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